Mysteriöse Baumkrankheit

Es begann Mitte der neunziger Jahre in Wäldern des US-Bundestaats Kalifornien: Eichen begannen zu „bluten“ – eine dunkle Flüssigkeit trat aus den Stämmen, auf den Blättern bildeten sich Flecken, Triebe verkümmerten, Käfer befielen die geschwächten Bäume. Viele starben binnen Monaten. „Sudden Oak Death“ – jäher Eichentod – nannten Forscher das Phänomen. Wie sich herausstellte, war die mysteriöse Baumkrankheit kein rein amerikanisches Problem; in europäischen Baumschulen fand man den Erreger auf Rhododendren und anderen Zierpflanzen. Der Verursacher der Krankheit war für die Wissenschaft bisher ein Unbekannter: Phytophthora ramorum, übersetzt: „Pflanzenvernichter der Zweige“, ein sogenannter Eipilz.

In einem kürzlich veröffentlichten Bericht fasst John Kliejunas von der US-Forstverwaltung den Forschungsstand sowie die Maßnahmen gegen die dramatische Baumkrankheit zusammen. Die Daten zeigen, wie schwierig sich der Kampf gegen den winzigen Erreger gestaltet. Pestizide beispielsweise, die extra auf die Rinde aufgetragen werden müssen, eignen sich vielleicht zum Schutz einzelner Bäume, können aber unmöglich in großen Wäldern angewendet werden.

In Kalifornien ist es trotz aller Bemühungen nur gelungen, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen. Auch im angrenzenden Staat Oregon hat es große Waldstücke getroffen. Mehrere Millionen Bäume in den Staaten sind betroffen. Und Phytophthora ramorum beschränkt sich nicht auf Eichen: Bei mehr als hundert verschiedenen Baum- und Straucharten ist ein Befall dokumentiert. Erst frisst sich der Eipilz in die lebenden Pflanzen, später, wenn sie der Krankheit zum Opfer gefallen sind, ernährt er sich vom toten Gewebe.

In Großbritannien sterben die Lärchen

In Europa waren lange Zeit nur einzelne Pflanzen in Baumschulen betroffen. Inzwischen wurden in Schleswig-Holstein einige wildwachsende Rhododendren gesichtet, die mit dem Erreger infiziert waren. Doch die gefährliche Krankheit breitet sich hierzulande bisher nicht aus. Das hängt unter anderem mit den Wetterverhältnissen zusammen. „An der kalifornischen Westküste herrscht die meiste Zeit im Jahr eine hohe Luftfeuchtigkeit, was für die Vermehrung des Erregers günstig ist. Regen- und Nebeltröpfchen können den Erreger außerdem sehr einfach von befallenen Blättern aus verbreiten“, sagt Sabine Werres vom Julius-Kühn-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen. „Bei uns ist die Luftfeuchtigkeit im Vergleich niedriger“.

2002 verschärfte die EU die Kontrollen beim Import und Handel mit Rhododendren und Schneeball-Pflanzen, die besonders anfällig für den Pflanzenkiller sind, zwei Jahre später kamen auch Kamelien auf die Liste.

Trotzdem sorgt der Erreger jetzt auch in Europa für größere Probleme. 2009 meldete England, dass im Südwesten des Landes Japanische Lärchen erkrankten. Der Erreger vermehrt sich auf ihnen besonders rasant – und er breitet sich aus. 2010 sichteten Förster auch in Irland und Schottland kranke Nadelbäume. Es handele sich nicht um ein aus den USA eingeschlepptem Problem, sagt ein Sprecher der Forstbehörde, sondern um einen anderen Stamm des Pflanzenkillers. Er stamme eventuell vom europäischen Festland oder aus Asien. Warum der Eipilz in Großbritannien keinen Appetit auf Eichen verspürt, sondern auf Lärchen, können die Forscher bisher nicht erklären.

Rund vier Millionen Bäume wurden bereits gefällt oder müssen noch gefällt werden, schätzt die britische Forstbehörde. Lärchen sind eine wichtige Quelle für Nutzholz; es drohen also wirtschaftliche Schäden. Immerhin wird das Holz infizierter Bäume noch genutzt – unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen, damit der Erreger nicht weitergeschleppt wird.

Erreger verbreitet sich übers Wasser

Dem Eipilz ist schwer beizukommen. In Form von Dauersporen überlebt er auf abgefallenem Laub oder im Boden jahrelang und über verseuchte Erde kann er weitertransportiert werden: Verdreckte Schuhe, Reifen oder Werkzeuge stellen also eine echte Gefahr dar. Oft breitet sich Phytophtora ramorum entlang von Gewässern aus, denn der Erreger bildet sogenannte Zoosporen, die über zwei Geißeln verfügen. Mit diesen kann er sich aktiv im Wasser bewegen.

Dass solche Wanderungen entlang von Flussläufen kaum aufzuhalten sind, wenn sich ein Krankheitserreger erst einmal in einem Gebiet festgesetzt hat, zeigen die Erlen in Deutschland: Sie fallen vermehrt Phytophthora alni, einem Verwandten des Eichenkillers, zum Opfer.

Die Forstwissenschaftler in Großbritannien warten auf den Frühling. Momentan ruhen die Motorsägen, solange sämtliche Lärchen keine Nadeln tragen, lassen sich kranke schwer von gesunden Bäumen unterscheiden. Wenn die neuen Nadeln gewachsen sind, wird sich zeigen, wie viele Japanische Lärchen befallen sind – und ob der Pflanzenkiller neue Baumarten als Opfer ausgewählt hat. „Er hat unerwartet die Japanischen Lärchen befallen. Er könnte genauso unerwartet weitere Arten infizieren“, sagt das Forstamt. „Wir bleiben besorgt.“

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